














Von Frank Niemann
Die Interessen des Softwareherstellers SAP und die seiner Kunden sind von Natur aus unterschiedlich. Doch gerade im Falle von strategisch wichtigen Softwaresystemen wie die von SAP sind beide Seiten aufeinander angewiesen. Die deutschsprachige SAP-Anwendergruppe, (kurz DSAG), steuert den Dialog zwischen Softwarekunden und herstellern.
Die Beziehung ist selten ganz frei von Konflikten, doch die starre Wartungspolitik der SAP rund um Enterprise Support hatte vor rund zwei Jahren für eine handfeste Krise gesorgt. Der Unmut über den Anbieter war deutlich zu spüren. Mittlerweile hat sich das Verhältnis merklich verbessert. Man hört dem Kunden wieder zu und ist bemüht, auf seine Anforderungen einzugehen. PAC hat verschiedene Gespräche mit dem Führungskreis der DSAG geführt.
Komplexitätsreduktion hat Priorität
Auf dem diesjährigen DSAG-Jahreskongress in Leipzig formulierten die SAP-Anwender ihre Forderungen an die SAP. Die Verringerung der Komplexität sowohl in den Anwendungen als auch in der technischen Plattform (NetWeaver) steht nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste. „Bereits heute trägt NetWeaver 7.30 dazu bei, Komplexität in SAP BW, Portal und Process Integration zu verringern. An der weiteren Integration der Business Suite muss noch gearbeitet werden“, so Dr. Marco Lenck, im Vorstand der DSAG für Technologie zuständig. SAP arbeite jedoch daran, die Plattformen zu vereinheitlichen.
Verbunden mit dem Ruf nach Komplexitätsreduktion ist die Forderung, auch die neuen Themen wie Enterprise Mobility (die Plattformen und Werkzeuge von Sybase) nutzen zu können, ohne die Komplexität der Umgebung noch weiter zu steigern. Ferner verlangen die Anwender eine klare Roadmap für die bestehenden Mobility-Produkte der SAP, die schon vor der Sybase-Übernahme existierten.
SAP-Kunden setzen sich intensiv mit In-Memory-Computing auseinander. Sie möchten verstehen, welche Bedeutung In-Memory-Computing, beziehungsweise HANA innerhalb der SAP-Produktstrategie konkret spielen wird. Ein wichtiges Thema der Kunden ist dabei, für wen HANA angesichts des derzeit hohen Preises (bestehend aus Software- und Hardwarekosten) in Frage kommen soll. „Die hohen Einstiegskosten wirken hier eher als Bremse“, so Dr. Lenck.
Lizenz- und Preismodelle bergen ohnehin immer Konfliktpotenzial, unter anderem im Zusammenhang mit Bemessung des Lizenzpreises für ein Multi-Core-Rechnersystem. „So kann es passieren, dass ein Kunde nur durch die Migration der Hardware plötzlich mehr für die SAP-Software zu zahlen hat, da der Prozessor des neuen Systems mehrere Prozessorkerne hat“, so Andreas Oczko, stellvertretender Vorstand der DSAG.
Ein weiteres Dauerthema ist und bleibt der Support: Kunden wünschen sich Wahlfreiheit und Flexibilität, der Hersteller aber bietet nur zwei Modelle (Standard oder Enterprise Support) an. Die Anwender halten dem entgegen, Firmen hätten je nach Art der SAP-Umgebung sowie je nach deren Reifegrad unterschiedliche Supportbedürfnisse.
Wartungsverlängerung für die SAP Business Suite
Nun hat die SAP bei der Wartung eine Veränderung vorgenommen, die den Kunden entgegenkommt: Der Softwareanbieter verlängert die Hauptwartung (Mainstream Maintenance) für das Kernprodukt „SAP Business Suite“ auf 2020. Bislang reichte der Wartungshorizont bis 2015. Mainstream Maintenance bezeichnet den Zeitraum, innerhalb dessen Kunden Unterstützung, Fehlerbereinigungen und Erweiterungen zu den Standardkonditionen erhalten.
Für die Kunden hat diese Ausdehnung einige Vorteile. Der wohl Wichtigste ist die Planungssicherheit: Wer heute Teile der SAP Business Suite 7.0 nutzt oder demnächst in Betrieb nimmt, kann diese Lösung für die kommenden neun Jahre zu den Standardkonditionen betreiben. Auch sieht er sich während dieser Zeit nicht dem Druck ausgesetzt, auf eine neue Produktversion umsteigen zu müssen.
Einerseits kommt SAP den Kunden entgegen, andererseits profitiert der Anbieter selbst von der erwähnten Planungssicherheit. Viele Firmen nutzen heute ERP 6.0 und beginnen nun erst damit, sich mit den weiteren Lösungsbausteinen der SAP Business Suite – etwa CRM und SRM – zu beschäftigen. „Viele Kunden nutzen bislang die SAP Business Suite 7.0 nicht über SAP ERP hinaus, weil sie die Komplexität scheuen“, so Waldemar Metz, Mitglied des Vorstands der DSAG und zuständig für Prozesse und Anwendungen. Die Zeit bis 2020 könne die SAP auch dazu nutzen, die Komplexität der Suite weiter zu reduzieren und sie so für eine größere Anzahl an Kunden attraktiv zu machen.
Aus Sicht von PAC kommt noch ein weiterer wichtiger Aspekt hinzu: Kunden sind durch die Planungssicherheit eher gewillt, sich mit neuen Entwicklungen aus dem Hause SAP zu beschäftigen, etwa mit den Mobility-Lösungen, den neuen Cloud-Services wie etwa Sales OnDemand sowie mit der In-Memory-Technologie. Ganz abgesehen davon haben Unternehmen eine ganze Reihe weiterer Baustellen, beispielsweise das Aufsetzen von Business-Analytics-Lösungen auf Basis von Business Objects, die Umsetzung gesetzlicher Änderungen (Compliance) sowie die technische Optimierung der SAP-Umgebung, um den Verwaltungsaufwand sowie die Betriebskosten zu senken.
Insgesamt bewertet PAC den Schritt zur Wartungsverlängerung als positiv. SAP versteht die Realität bei den Kunden und reagiert entsprechend. Es ist nicht der erste Schritt dieser Art; Zugeständnisse bei Wartungsfristen gab es schon zuvor.
Kontinuierliche Softwareerweiterungen
Zeitgleich mit der Wartungsregelung präsentiert SAP ein überarbeitetes Konzept, um Innovationen leichter an die Kunden auszuliefern. Das neue Konzept sieht kleinere Erweiterungen vor, die sich tatsächlich schnell einspielen lassen. Viermal pro Jahr will SAP ein solches Paket bereitstellen. Anders als bei den bisherigen Enhancement Packages (EhPs) verabreichen die neuen Pakete Neuerungen in kleineren Dosen. Das Ziel dabei: Kunden eine Möglichkeit zu geben, kleine, gezielte Funktionserweiterungen einzuspielen, ohne dass aufwendige Tests erforderlich sind. EhPs dagegen ziehen mitunter einigen Testaufwand nach sich. Die Minierweiterungen dienen zum Beispiel dazu, Funktionen innerhalb von SAP-Lösungsbausteinen abzurunden, die Firmen bislang selbst programmiert haben und damit vom Standard abgewichen sind.
Noch fehlen viele Details dieser neuen Erweiterungsstrategie, weshalb es für eine abschließende Bewertung noch zu früh ist. Aus Sicht von PAC strebt SAP mit dem neuen Erweiterungskonzept nun das an, was mit den Enhancement Packages ursprünglich versprochen wurde: Innovationen schnell und unkompliziert einzuführen.
Im Rahmen des Konzepts „Continuous Improvements“ stimmen sich die SAP und die Anwender über solche Verbesserungen und Abrundungen der bestehenden Softwareprodukte ab. Diese werden über Notes und/oder Support Packages ausgeliefert. Die Bereitschaft ist dann besonders groß, wenn SAP auf diese Weise dringend benötigte Funktionen für bestehende, beim Kunden installierte Software ausliefert.
Login für Mitglieder
Sie sind noch kein Mitglied im
ICT Research Board?