














Mit dem neuen Hardware-Arm spekuliert Oracle darauf, hochintegrierte einsatzfähige Systeme für verschiedene Anwendungsszenarien und Branchen aus einer Hand anbieten zu können. Allerdings hat der Datenbankspezialist keine Erfahrung im Hardwaregeschäft, und Sun kämpfte schon vor der Übernahme mit Absatzschwierigkeiten. Ebenfalls fraglich dürfte sein, ob Anwender sich in eine so starke Abhängigkeit von einem Anbieter begeben wollen.
Am 21. Januar 2010 hat die EU-Kommission den Weg für die Sun-Übernahme freigegeben. Ohne Auflagen. Noch im September 2009 hatte sie eine genaue Untersuchung angemeldet, weil sie negative Auswirkungen auf den Datenbankmarkt befürchtete. Da die Opensource-Datenbank MySQL mit der Übernahme ins Oracle-Portfolio wandern würde, sorgten sich die Kartellwächter um die Zukunft dieser wichtigen Opensource-Alternative zu den kommerziellen Datenbanken, deren Markt von Oracle, IBM und Microsoft zu 85 Prozent beherrscht wird. Die Untersuchung ergab allerdings keine konkreten negativen Auswirkungen auf den DB-Markt. Zweifellos in dieser Ansicht bestärkt wurde die EU-Kommission als Oracle im Dezember 2009 ankündigte, künftige Versionen von MySQL auch unter die General Public Licence zu stellen, die es Anwendern und Entwicklern erlaubt, die Software kostenlos zu benutzen und zu verändern.
Kurz nach der Unbedenklichkeitserklärung der EU-Kommission am 27. Januar erläuterte Oracle in einer viel beachteten fünfstündigen Veranstaltung am Stammsitz des Unternehmens in Redwood Shores, wie man sich die Zukunft der wichtigsten Produktlinien von Sun vorstellt. Jenseits aller Versprechen machten die Präsentationen vor allem deutlich, wie sehr sich Oracle darum bemüht, den Sun-Kunden in fast allen Bereichen einen klaren Produktfahrplan aufzuzeigen:
Server: Die auf dem Sun-Betriebssystem Solaris basierenden Familien M-Series und T-Series werden laut Aussage von Oracle genauso weitergeführt wie die Blade-Systeme, die je nach Prozessorausstattung unter Windows, Linux oder Solaris arbeiten und die X64-Produktfamilie, die mit Intel und AMD CPUs und unter Solaris, Windows und Linux laufen. Im Serverbereich hat Oracle gegen sinkende Marktanteile zu kämpfen. Zum einen geht die Zahl der Unix-Systeme seit Jahren zurück und zum anderen haben IBM, HP und Dell Sun in den vergangenen Quartalen erhebliche Marktanteile abgenommen. Sun stand im weltweiten Vergleich im dritten Quartal an vierter Stelle.
Oracle will den Vertrieb offenbar effektiver organisieren, um Kosten zu sparen und eventuell besser in bestehende Accounts zu verkaufen. Mit großen Kunden werde in Zukunft direkt gesprochen. Von Systemhäusern und Distributoren, über die das Sun-Geschäft bisher hauptsächlich lief, erwartet man in Zukunft eine stärkere Spezialisierung. Die Partner würden zukünftig daran gemessen, welchen Mehrwert sie dem Kunden und dem Oracle-Sales-Team brächten, erklärte Oracles Channel-Verantwortlicher Judson Althoff, Senior Vice President Worldwide Alliances & Channels.
Storage: Auch hier verspricht Oracle eine Fortführung der gesamten Produktpalette und betont, weiter investieren zu wollen. Die Produktpalette ist vollständig. Sie reicht von Flash-Speichersystemen bis hin zu Tape-Librarys, die Sun sich mit der Übernahme von Storagetek einverleibt hatte.
Java: Nach Meinung aller Analysten ist Java eine der wertvollsten Bereicherungen der Oracle-Produktpalette. Zum einen basieren viele Oracle-Produkte auf Java (z. B. Fusion Middleware) und zum anderen ist die Entwicklergemeinde für Java mit geschätzten neun Millionen Entwicklern mit Abstand die größte. Wenn es Oracle gelingt, diese Community, um die es in letzter Zeit etwas ruhiger geworden ist, zu revitalisieren, ist das ein extrem wichtiges Asset für Oracle.
Auch für Open Office und MySQL sagten die Oracle-Oberen weitere Investitionen zu. President Charles Phillips erklärte, man werde das Entwicklungsbudget für 2011, dem ersten vollständigen gemeinsamen Fiskaljahr, von insgesamt 2,8 Milliarden Dollar im Jahr 2009 auf 4,3 Milliarden erhöhen. Damit will Oracle offenbar deutlich machen, dass es seine Verantwortung gegenüber den Kunden-Investitionen in Sun-Produkte ernst nimmt.
Insgesamt dürfte die Sun-Übernahme sehr geordnet und schnell ablaufen. Oracle hat in den vergangenen Jahren etwa 60 Unternehmen übernommen und ist von Mal zu Mal organisierter vorgegangen. Fehler wie bei der Peoplesoft-Übernahme 2003, als die Kunden monatelang nicht wussten, wie es mit der Software weitergeht, macht Oracle nicht mehr. Auch nach dem Kauf von Sun zeigen die Verantwortlichen eine klare Roadmap auf, achten peinlich genau darauf, keinen der bestehenden Kunden mit Produktabkündigungen zu verschrecken und sie kommunizieren eine Vision.
Oracle will Sun nutzen, um zwei Geschäftsmodelle zu verfolgen. Auf der einen Seite sollen vertikal integrierte Systeme aus Hardware, Infrastruktur Datenbanken, Middleware und Applikationen verkauft werden. Oracle-Chef Larry Ellison kündigte diese Appliances an als “leistungsstärker, sicherer, preiswerter und einfacher zu bedienen” als Anwender das mit traditionell integrierten Elementen von verschiedenen Herstellern je erleben würden. In den neuen Appliances von Oracle seien die Komponenten sehr viel besser aufeinander abgestimmt als bei weniger tief integrierten Lösungen. “Wir glauben an die Version der vertikalen Integration”, erklärte Ellison während der Präsentation der Roadmap.
Auf der anderen Seite verkauft Oracle selbstverständlich die Komponenten auch einzeln: Datenbanken, Server, Middleware, Storage werden auf etliche Jahre hinaus die wichtigste wirtschaftliche Säule des Oracle-Geschäfts sein. Doch Ellison wettet auf die vertikal integrierten Systeme, weil sie seiner Überzeugung nach den größten Wert für den Kunden darstellen würden – und natürlich auch für Oracle. Klappt das nämlich, könnte er aus den vielen Übernahmen der Vergangenheit, die bisher lediglich das Portfolio erweitert haben, noch zusätzlichen Nutzen ziehen.
Für Anwender klingt es erst einmal gut, wenn sie hören, dass eine solche Appliance mehr Leistung fürs Geld bringt, einfacher zu handhaben und auch noch sicherer ist. Aber was handeln sie sich im Gegenzug ein? Ein geschlossenes System! Das Beispiel der ersten aus der Sun-Oracle-Zusammenarbeit entstandenen Appliance zeigt, wo die Reise hingeht:
Exadata Database Machine Version 2 heißt der aus Sun Hardware und Oracle Datenbank 11g Release 2 zusammengesetzte Datenbankbolide, der unter anderem aufgrund des eingesetzten extrem schnellen Flash-Speichers Datenbanken zehn Mal schneller durchsuchen kann als das Vorgängermodell. Das hatte Oracle übrigens noch in Kooperation mit HP entwickelt und vertrieben.
Obwohl Oracle immer wieder die Offenheit seiner Systeme betont und erklärt, sie könnten auch mit Middleware, Applikationen und anderen Komponenten von Drittanbietern arbeiten, ist dieses Bekenntnis in Bezug auf die Appliances Makulatur. Natürlich arbeiten die Appliances auch mit anderen Komponenten, aber eben nicht so gut wie mit denen von Oracle. Wenn aber erst die tiefe Integration aller Oracle-Komponenten die versprochenen Vorteile bringt, handelt es sich de facto um ein geschlossenes System.
Das wiederum wirft die Frage nach der Leistung auf, die solche geschlossenen Appliances in einer heterogenen IT-Landschaft aufweisen. Können sie ihre Stärken noch ausspielen, wenn sie mit “Fremd”-Systemen kommunizieren müssen, wenn ihre gelieferten Ergebnisse von anderen Applikationen ausgewertet werden oder weitergeleitet werden? Machen sie die Gesamt-IT eines Unternehmens performanter?
Es sind immer wieder schlüsselfertige Systeme angeboten worden, in denen verschiedene Blöcke des IT-Stacks miteinander zum Wohl des Anwenders (niedrigere Betriebskosten, höhere Leistung, leichtere Handhabung) integriert wurden. Allerdings konnten diese Systeme in jüngerer Zeit nicht mehr reüssieren. Vielleicht deshalb nicht, weil die Rechnung für die Anwender nicht aufgeht. Sie stellen die kurzfristigen Einsparungen und Performance-Vorteile der verstärkten Abhängigkeit von einem Hersteller gegenüber und rechnen spätere Migrationsaufgaben ebenfalls in die Gleichung ein. Das ergibt wahrscheinlich ein negatives und kein positives Ergebnis.
Würden die von Oracle in Aussicht gestellten Appliances allerdings in der Cloud residieren und würden ihre Leistungen als Services angeboten werden, könnte die Gleichung für den Anwender aufgehen. Er hätte alle Vorteile, aber keine der Nachteile wie eine erhöhte Abhängigkeit und keine künftigen Legacy-Systeme. Für diese Lösung kann sich aber offenbar Oracle nicht erwärmen. Suns Cloud-Pläne jedenfalls wurden erst einmal gestoppt. Aber vielleicht kommt das ja noch. Bis dahin sollten Anwender genaustens abwägen und prüfen, ob ihnen ein so tief integrierte Appliance wirklich mehr bringt als die anderen Möglichkeiten, ihre IT effizient zu betreiben.
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