














Von Christoph Witte
Mit der Eröffnung seines Applikationsmarktplatzes für Businesskunden liefert Google einen guten Ansatz, um den Erwerb und Betrieb von Software für Enterprise-Anwender drastisch zu vereinfachen. Noch erfüllt er nicht alle Wünsche nach Integration und Sicherheit, aber er stellt einen wichtigen Schritt dar, dem andere globale Softwareanbieter relativ schnell folgen dürften.
Stellen Sie sich vor, dass Sie Software nicht mehr nur bei SAP, Oracle oder Microsoft kaufen, sondern dass Sie ähnlich wie für das Apple i-Phone, Enterprise-Anwendungen aus dem Netz beziehen, sie entweder dort betreiben oder in ihren eigenen Infrastrukturen laufen lassen. Geht das? Bisher funktioniert das in den geschlossenen Welten der Mobilfunkanbieter und beim CRM-Spezialisten Salesforce. Auch Microsoft bietet zumindest in den USA einen Online Store namens Pinpoint an, über den Azure-Services angeboten werden können. Diese Anbieter haben ihre APIs unter bestimmten Bedingungen geöffnet, damit unabhängige Software-Entwickler für ihre Plattformen Software schreiben können, die Anwender nutzen können, solange sie sich innerhalb der gleichen Plattform bewegen.
Am 10. März hat auch Google einen Apps Marketplace für Businesskunden eröffnet. Er bietet Entwicklern/Softwarehäusern eine gute Möglichkeit, ihre Anwendungen in der Google-Welt zu vertreiben. Zum Launch des Marktplatzes offerieren 50 Anbieter Applikationen, die sich in Google Apps – die Online-Suite besteht aus Gmail, Google Calendar, Google Docs, Google Sites und Google Talk – integrieren und sich wie native Anwendungen von Google verwalten und benutzen lassen. Intuit beispielsweise ist mit “Intuit Online Payroll” registrierter Partner. Außerdem werden Lösungen im Bereich ERP, CRM, Dokumentenmanagement und Vertrieb angeboten.
Mit Google-Apps können Drittanwendungen über den Marktplatz gegen eine geringe Registrierungsgebühr (100 Dollar) vertrieben werden – Installationsroutinen inklusive. Nutzer von Drittanwendungen müssen sich nicht um die Integration mit den Google-Apps kümmern. Sie ist vorhanden – inklusive Single Sign on und Datenaustausch. An der Bezahlmimik wird noch gearbeitet, sie wird demnächst zur Verfügung stehen. Noch müssen die Entwickler die Bezahlung ihrer Apps selbst organisieren. Dem Aufwand für die Entwickler stehen angesichts der lt. Google zwei Millionen Unternehmen und der 25 Millionen individuellen Nutzer von Google-Apps gute Geschäftsaussichten gegenüber. Daran ändert auch der 20prozentige Anteil nichts, den Google pro verkauftem App für sich beanspruchen will, sobald die Bezahlungsroutine steht. Für Google liegt der Vorteil ebenfalls auf der Hand. Der Search-Spezialist kann über den Marktplatz bestehende Nutzer stärker an die Plattform binden und zusätzliche Anwender gewinnen, ohne eigene Entwicklungskapazitäten aufzubringen. Anwender schließlich profitieren von der Integration der Services.
Noch ist die Funktionalität der Google-Apps gegenüber den Office- und Messaging-Angeboten von Microsoft oder IBM relativ gering, doch aufgrund der niedrigen Eingangshürde, die Entwickler zu nehmen haben, um im Google Marktplatz mitzumischen, dürfte die Entwicklung recht stürmisch verlaufen.
Google Apps Marketplace stellt einen weiteren Schritt dar in der Veränderung des weltweiten Softwaremarkts. Seine neue Qualität, die einfache Integration der Drittanwendungen in die eigene Apps-Suite scheinen richtungsweisend. Es stellt sowohl Unternehmensanwender als auch Entwickler vor sehr niedrige Eingangshürden, in dem es eine simpel zu handhabende Bezahlmimik zur Verfügung stellt und gleichzeitig eine Integrationsgarantie übernimmt. Soweit sind bisher weder Salesforce.com-Plattform noch Microsofts Pinpoint gegangen. Googles Marketplace könnte eine Blaupause werden für ähnliche Anstrengungen der großen Applikationsanbieter wie Oracle, SAP, Microsoft und andere. Sie könnten ihr Potenzial an Partnern auf diese Weise viel leichter aktivieren und in die Waagschale um die attraktivste Plattform werfen als ihre bisherigen Zertifizierungs- und Partner-Programme das jemals leisten können. Man stelle sich vor, dass ein SAP-Add-on ebenfalls mit höchstens vier Klicks eines Admins in die bestehende Enterprise-Landschaft zu integrieren wäre, wie Google das von den Drittanwendungen in seinem Marktplatz behauptet. Das würde den Software- und Service-Markt schlicht und einfach revolutionieren.
Nicole Dufft, Geschäftsführerin von Berlecon Research bringt es in der aktuellen Spotlight-Analyse App-Stores krempeln den Softwaremarkt um auf den Punkt:
“Bisher fokussierte sich der Cloud Computing Hype vor allem auf die Bereitstellung hochverfügbarer und hochskalierbarer Infrastrukturen sowie Entwicklungs- und Bereitstellungsplattformen für Software im On-Demand-Modell. Mit den Application Stores kommt ein wesentlicher Aspekt zum Cloud Computing Hype dazu, der bisher weitgehend vernachlässigt wurde: weltweit aktive Software-Vertriebsplattformen mit einer globalen Marketingmacht und entsprechenden Abrechnungsmodellen für Kunden und Anbieter.
Softwareanbieter können die Cloud-Plattformen nutzen, um webbasierte Software zu entwickeln, auf entsprechenden Infrastrukturen zu hosten und mit ihren Kunden nach Bedarf abzurechnen. Ein kleiner deutscher Softwarehersteller hat so beispielsweise die Chance, dass seine Software über die Stores von Apple, Salesforce, Google & Co. von Kunden auf der ganzen Welt entdeckt, weiterempfohlen und genutzt wird. Er bezahlt dafür entweder eine fixe “Listing Fee” pro Jahr (z.B. bei Salesforce) oder gibt einen Teil des Umsatzes an die Plattform ab (z.B. bei Google).
Sicher sind aus Sicht vieler anspruchsvoller Geschäftskunden noch nicht alle Voraussetzungen erfüllt, um die Cloud-Plattformen “Enterprise-ready” zu machen. Eine Grundvoraussetzung im Enterprise-Markt ist beispielsweise, dass die angebotenen Anwendungen auch prozess- und am besten plattformübergreifend miteinander integrierbar sind. Offene Schnittstellen und Webservices-Standards sollen dies gewährleisten. Eine weitere viel zitierte Voraussetzung für Cloud Computing im Geschäftskundensegment sind ausreichende Sicherheits- und Datenschutzmechanismen. In der Praxis sind in beiden Bereichen noch viele Fragen offen und die Anbieter haben noch einige Hausaufgaben zu machen.
Dennoch, das Modell, Softwarelizenzen zu kaufen und auf einer eigenen Infrastruktur selbst zu betreiben, wird langfristig nicht mehr das einzige – und vor allem nicht mehr das dominierende Modell – sein”.
Die von Dufft beschriebenen Voraussetzungen für eine Enterprise-Readyness – Integration und Sicherheit – ließen sich innerhalb eines der beschriebenen Marktplätze wahrscheinlich schon heute lösen. Vor allem am Thema Security in the Cloud arbeiten alle einschlägigen Anbieter mit Hochdruck. Einige von ihnen bieten beispielsweise Security bereits als Managed Service an, der nicht mehr auf der Infrastruktur des jeweiligen Kunden residiert. Zumindest theoretisch würde es nur eines kleinen weiteren Schritts bedürfen, damit Anwender auf dem Google Apps Marketplace einen entsprechenden Security-Service genauso in Anspruch nehmen können, wie einen anderen Anwendungsservice.
Doch eine “prozess- und plattformübergreifende Integration” ist damit noch nicht gegeben. Zur plattformübergreifenden Integration bedarf es offener Schnittstellen und Webservices-Standards, an denen die konkurrierenden Plattformanbieter allerdings bisher nicht interessiert sind. Google, Salesforce und Microsoft sehen ihre Marktplätze als Mittel, um ihren Plattformen einen Vorsprung zu verschaffen und ihre Cloud-Infrastrukturen auszulasten. Die anderen globalen Applikationsanbieter werden mit Sicherheit nicht zurückstehen und mit der gleichen Motivation ebenfalls Marktplätze aufbauen. Deshalb werden es wahrscheinlich entweder die globalen Dienstleister wie Accenture oder IBM Global Services sein, die solche Integrationsmöglichkeiten anbieten oder es tauchen Player auf, die Integration als Service offerieren.
Aber ist übergreifende Integration tatsächlich eine Voraussetzung für die Cloud-Adaption in Unternehmen? Sollten Unternehmen wirklich erst beginnen, Cloud Services zu nutzen, wenn diese Forderung erfüllt ist? Wenn das so wäre, dürften Unternehmen heute eigentlich keine der großen Business-Software-Suiten nutzen, die sämtlich einfache Integrationsmöglichkeiten mit den Applikationen anderer großer Hersteller vermissen lassen. Insofern stellt Integration einen notwendigen weiteren Schritt in der Evolution von Cloud Computing dar, aber kein K.O.-Kriterium für dessen Nutzung.
Wenn die großen Applikationsanbieter demnächst ihre Marktplätze öffnen – und davon ist auszugehen – sollten Enterprise-Anwender diese Möglichkeit nutzen. Sie werden dadurch zwar nicht freier in der Wahl ihrer Plattform, aber die Plattformen werden besser beherrschbar und das bedeutet für sich genommen schon einen enormen Fortschritt.
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