














Von Christoph Witte
Im Dezember haben Rückblicke und Prognosen Konjunktur. Wir schenken uns den Blick zurück und spulen direkt nach vorn. Dabei scheuen wir nicht vor reinen Spekulationen zurück. Schließlich gelten für Prognosen immer noch folgende Prinzipien:
Deshalb gilt für die folgenden Zeilen: Forget about the facts and push the story! So abgesichert können wir ohne Angst vor Schadensersatzklagen fortfahren. Unsere Geschichte dreht sich um die Trends, die schon 2010 bestimmt haben: Cloud Computing, Mobile Computing und Social Networks.
Nach längerem Zögern, den vielen Sicherheits- und Compatibility-Bedenken zum Trotz, wird sich Cloud Computing im kommenden Jahr auf breiter Front durchsetzen. Es geht nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie und Was. Natürlich werden die Unternehmen nicht ihre angestammten IT-Infrastrukturen und On-Premise-Applikationen auf den Müll der IT-Geschichte werfen, aber generische Aufgaben und Commodities (E-Mail, Collaboration, Office-Anwendungen, Archivierung) wandern zunehmend in die Cloud. Gleiches gilt für neue Anforderungen. Web-Applikationen, E-Commerce-Erweiterungen, BI-Anwendungen, Customer Relationship Management, Social Networks und mobile Anwendungen werden immer öfter aus der Cloud bereitgestellt. Komplette Transformationen von traditioneller IT-Infrastruktur auf Cloud-basierendes Computing werden wir dagegen 2011 kaum oder gar nicht erleben. Dafür sind die investierten Summen in die bisherige IT einfach zu hoch. Die Ablösung wird schleichend vonstatten gehen. Noch auf Jahrzehnte hinaus betreiben Anwender auch klassische IT, aber der Anteil Cloud-basierter Services wird quer durch alle Anwendungsgebiete deutlich zunehmen. Das ist auch an den Investitionsplänen der Anwender abzulesen, die deutlich mehr in Cloud Services investieren werden.
Doch die steigenden Budgets für Cloud Services sind nur eine Seite der Medaille. Die Angebote der internationalen IT-Anbieter und Dienstleister bestimmen mindestens im gleichen Maße wie die zur Verfügung stehenden Gelder darüber, wie schnell Cloud Services die IT Landschaft erobern werden. Das sind natürlich zum einen die globalen Produktanbieter wie Microsoft, Amazon, IBM und Salesforce, die bereits eigene Clouds anbieten. Andere globale Anbieter wie HP, Cisco, Dell und SAP gehören ebenfalls zum erweiterten Kreis der Cloud Adapten. Nur Oracle hinkt als einziger globaler Anbieter zurzeit hinterher. Zum anderen werden die internationalen IT Dienstleister wie Accenture, CSC und andere für die großen Anwender eine wichtige Rolle spielen. Noch machen sie zwar den Großteil ihres Geschäftes mit klassischer IT Beratung und -Dienstleistungen, aber auch bei ihnen spielt das Cloud Business eine zunehmend wichtige Rolle. Zurzeit beraten sie ihre Kunden, auf welchem Weg sie am besten in die Cloud gelangen. Einige bieten bereits eigene Cloud-basierte Infrastrukturen und Software-as-a-Service an, andere bereiten sich darauf vor. Von diesen internationalen IT-Dienstleistern wird sehr stark abhängen, welchen Weg die großen Anwenderunternehmen beschreiten – eher Richtung Private Cloud oder eher Richtung Public Cloud. Die Private Cloud dürfte Ihnen voraussichtlich noch als die sympatischere Variante erscheinen, weil sie Ihnen einen langsameren und geregelten Übergang in das neue Geschäftsmodell ermöglicht. Deshalb werden die großen IT Dienstleister 2011 verstärkt Cloud-basierte Modelle anbieten, bei denen sie selbst nur einen Teil des Investitions und Betriebsrisikos übernehmen. Welche Modelle das sein werden, ist noch nicht wirklich absehbar, aber sie werden den meisten Analysen zufolge irgendwo zwischen public und private liegen.
Neben den Budgets und den Cloud-Angeboten der großen IT-Dienstleister spielen auch die regionalen und lokalen System- und Softwarehäuser eine wichtige Rolle. Sie werden die Infrastrukturen der großen Cloud-Provider nutzen und darauf aufbauend eigene Services anbieten. Nicht aus reiner Innovationslust bieten sie im kommenden Jahr verstärkt Add-ons zu ERP-Systemen, Location-based Services oder Collaboration-Apps an, sondern weil sie ihr bisheriges Geschäftsmodell zu Recht bedroht sehen. Wenn immer mehr Services aus der Cloud kommen, werden weniger Integrationsleistungen, weniger Support und weniger Projekte für diese Anbieter zu vergeben sein. Wenn sie also nicht zusehen wollen, wie ihr bisheriges Geschäftsfeld immer kleiner wird, müssen sie selbst ins Service-Geschäft einsteigen. Die Cloud-Angebote mit ihren teilweise sehr skalierbaren Infrastrukturen und Plattformangeboten, die ihnen beschleunigtes und einfaches Entwickeln ermöglichen, geben auch kleinen Dienstleistern zum ersten Mal die Chance, ihre Lösungen einer breiten Kundenbasis anzubieten. Das werden im Laufe des kommenden Jahres viele kleinere System- und Softwarehäuser erkennen und damit den Cloud-Zug noch schneller in Fahrt bringen.
Mobile Computing geistert schon lange durch die IT-Szene. Trend seit Jahren, aber ohne den ganz großen, gesonderte Investitionen auslösenden Durchbruch im Unternehmen.
Kurz zur Erklärung des Begriffs: Mit Mobile Computing sind vor allem Smartphones, Tablet PCs und weitere neue Formfaktoren gemeint, weniger die klassischen mobilen Rechner wie Notebooks oder Netbooks.
Was passiert also in diesem Bereich 2011? Bleibt das Phänomen auf neue mobile Devices beschränkt, mit immer besseren Bildschirmen, höher auflösenden Kameras für Foto und Video und dank des neuen Breitbandstandards LTE mit immer größerer Bandbreite? Oder mutieren die Westentaschen-Kommunikatoren in Unternehmen zu vollwertigen Clients, mit denen sich genauso gut mit den Unternehmens-Applikationen arbeiten lässt wie mit einem Desktop PC oder Notebook? Wahrscheinlich nicht. Smartphones und Tablets bleiben noch für einige Zeit Geräte, von denen in erster Linie Informationen abgerufen werden. Die Manipulation und Eingabe von Daten ist ihre Stärke noch nicht. Das heißt allerdings nicht, dass Unternehmen 2011 nicht verstärkt in Mobile Computing investieren werden. Vorausgesetzt die Kapazität der mobilen Netze hält der verstärkten Nutzung stand – Bandbreite ist jetzt schon knapp – werden wir im kommenden Jahr viele neue Apps für die verschiedenen Plattformen sehen, die den Informationsabruf aus Unternehmens-Applikationen und in eingeschränktem Maß auch das Hochladen von Informationen unterstützen. Diese Enterprise Apps bedienen sich dabei übrigens zunehmend verschiedener Cloud Services, um Daten zwischenzuspeichern oder in das Format der betreffenden Enterprise-Anwendung zu übertragen. Beispielsweise bietet SAP bereits eine App (bisher nur für Apple) für Business ByDesign an, über die sich Informationen abrufen und Kunden-Accounts managen lassen.
Die zweite Voraussetzung für ein Mehr an echten Business Apps ist ihre einfachere Entwicklung. Heute müssen Entwickler Apps für jede mobile Plattform (Blackberry, iOS, Symbian, Android, Windows Phone 7) gesondert anpassen. Bisher existieren zwar erste zarte Middleware-Ansätze, um Anwendungen über verschiedene Plattformen hinweg zu nutzen, aber da ist noch einiges zu tun. Außerdem müssen natürlich die Anbieter von Business Software entsprechende Schnittstellen anbieten.
Doch wahrscheinlich wird die Einbindung der mobilen Devices in die Enterprise IT nicht das einzige Thema bleiben, das die IT-Abteilungen 2011 in Sachen Mobile Computing umtreibt. Besonders Handelsunternehmen, Banken, Konsumgüterhersteller, aber auch Automobilkonzerne werden versuchen, ihre Kunden und potenziellen Kunden über die mobilen Endgeräte stärker an sich zu binden und gezielt anzusprechen. Das Thema M-Commerce wird deshalb 2011 wieder aus der Versenkung emporsteigen. Ein Mittel zur Kundenbindung werden Apps sein. Verlage wie Springer oder Spiegel machen zurzeit vor, wie sie ihre Geschäftsmodelle auf die mobile Plattform ausweiten. Ähnliches ist aus den zuvor genannten Branchen zu erwarten. Eventuell erleben wir demnächst die erste Metro-App, die Kunden über die neuesten Sonderangebote informiert und über die sich die Schnäppchen – anders als über die normale Website- reservieren lassen. Die iPhone-App der Deutschen Bank und für zahlreiche weitere Banken existiert bereits. Online-Broker, die unter einer extrem schwachen Kundenbindung leiden, könnten ebenfalls versuchen, besondere Deals über ihre mobilen Apps anzubieten. Die Möglichkeiten sind eindeutig vorhanden und der Druck für die Unternehmen groß, neue Wege der Kundenbindung und -gewinnung zu gehen. Deshalb werden die IT-Teams der Unternehmen in den nächsten zwölf Monaten ihre M-Commerce Anstrengungen verstärken. Vor dem Hintergrund stark steigender Verkäufe von Smartphones und Tablets sind inzwischen ausreichend große Nutzerzahlen vorhanden, um M-Commerce zu einem lohnenden Geschäft zu machen. Integration und Betrieb dieser mobilen Kundenbindungs und Verkaufswerkzeuge werden die IT-Abteilungen der genannten Branchen sicher beschäftigen.
Der Siegeszug von Facebook setzt sich fort. Mit mehr als 500 Millionen Nutzern hat Facebook inzwischen mehr User, als die USA Einwohner haben. Betrachtet man die Population des Netzwerkes als Bürger eines (wenn auch virtuellen) Landes, wäre es nach China und Indien der weltweit drittgrößte Staat. Tendenz steigend. Selbst wenn man davon ausgehen darf, dass das steile Wachstum der Nutzerzahlen – von 0 auf 500 Millionen in sieben Jahren – nicht beibehalten werden kann, dürfte es deutlich weniger als sieben Jahre dauern, bis Facebook die Milliarden-Nutzer-Grenze erreicht hat. Auch der laxe Umgang mit dem Datenschutz wird den Bevölkerungszuwachs nicht aufhalten. Facebook-Nutzer werden sich einfach darauf einstellen. User, die auf ihre virtuelle Privatsphäre Wert legen, halten sich mit dem Hochladen sensibler Daten zurück oder legen sich einen elektronischen Alias zu. Den Großteil der Nutzer scheint jedoch überhaupt nicht zu interessieren, was mit ihren Daten geschieht und wie sie weiter verarbeitet werden. Das wird auch 2011 so sein.
Die große Nutzerzahl von Facebook wird noch mehr Menschen anlocken: Warum soll jemand mehrere Social Networks pflegen, wenn sich die meisten Kontakte ohnehin auf Facebook tummeln. Die schiere Ausdehnung von Facebook wird deshalb für andere soziale Netzwerke zum Problem. Für viele Menschen lohnt es sich einfach nicht mehr, dort Mitglied zu werden, es sei denn, sie haben einen speziellen beruflichen Hintergrund, der es ihnen noch angeraten erscheinen lässt, in einem spezifischen Social Network Mitglied zu sein. Aber das Schicksal von Myspace, das sich seit Kurzem nicht mehr als Social Network definiert, sondern als Inhaltsportal für Entertainment wird 2011 weitere Netzwerke treffen.
Gleichzeitig nehmen Funktionsumfang und Ausdifferenzierung von Facebook weiter zu. Kürzlich hat das Unternehmen eine universelle Inbox vorgestellt, mit der sich Messages von praktisch jedem Endgerät aus verschicken und empfangen lassen. Zumindest unter „Freunden“ wird dann kein weiteres Mailsystem mehr gebraucht. Wenn dann noch Funktionen wie Skype dazu kommen, Schnittstellen zu Online-Tools wie Microsofts Office 365 oder Google Apps oder sogar eigene Facebook-Tools integriert würden, kann man sich leicht vorstellen, wie steil Facebooks Popularitätskurve weiter ansteigen wird. Noch hat die Company ein latentes Monetarisierungsproblem. Aber aus ihrer ständig wachsenden Nutzerzahl lässt sich mehr machen als Werbung zu verkaufen. Vielleicht sehen wir 2011 Facebook bereits erste bezahlte Services anbieten, die bisher eher in die Domäne von Software-Anbietern oder Cloud-Providern gehörten.
Die Möglichkeit der Ausdifferenzierung spielt Facebook ebenfalls in die Hände. Noch einmal die Nationen-Analogie: Wie die Regionen großer Länder unterschiedliche Charakteristika in Wirtschaft, Kultur und Bevölkerung aufweisen, werden sich auch in Facebook unterschiedliche Großgruppen mit verschiedenen Charakteristika und Interessen etablieren. Für diese großen, aber auch für viele kleine Interessengruppen werden innerhalb von Facebook unterschiedliche (interaktive) Angebote entstehen. Bei einer Gesamtzahl von über 500 Millionen Nutzern dürfte selbst die kleinste Gruppe noch groß genug sein, um für sie eigene Marketingbotschaften zu entwickeln.
Etliche Großunternehmen, auch aus dem B2B-Umfeld, haben inzwischen verstanden, dass sich unter der großen Nutzerzahl genügend Kunden und Interessenten befinden, die sich anzusprechen lohnt. Über ihre Facebook-Seite oder über spezifische Gruppen kommunizieren diese Unternehmen direkt mit ihren Zielgruppen. 2011 werden wir einen massiven Zuzug von Unternehmen in Facebook erleben, die das Netzwerk ebenfalls zur bidirektionalen Kommunikation nutzen wollen. Diese Firmen werden ihre Marketingbotschaften teilweise anders verpacken und via Facebook zur Verfügung stellen. Andere Inhalte werden – ihre Eignung vorausgesetzt – automatisiert in Facebook eingespielt. Außerdem werden Unternehmen ihren Kunden die Möglichkeit geben, sich auf ihren Facebook-Seiten untereinander auszutauschen.
Außerdem beginnen Firmen 2011 vermehrt, Facebook für die Kommunikation zu und zwischen Mitarbeitern zu nutzen. Sicher nicht für sensible Inhalte, dafür ist das Security-Level zu gering, aber für einfache Terminabsprachen oder den spontanen Austausch dürfte sich Facebook als ein einfaches Collaboration-Tool auch in Unternehmen etablieren.
Das zweite, stark wachsende Social-Media-Phänomen des Jahres 2010, Twitter, wird auch im kommenden Jahr weiter zulegen. Auch diesen 140-Zeichen-Dienst werden Unternehmen verstärkt zur Kommunikation mit Kunden und Interessenten nutzen. Beispiele wie das von Lufthansa, die ihre Kunden vorbildlich über Verspätungen, aber auch Sonderangebote informiert, werden Schule machen.
Insgesamt werden Unternehmen 2011 vermehrt soziale Netzwerke und Web 2.0-Services für sich nutzen. Die Schwäche der traditionellen Massenmedien befördert diesen Trend zusätzlich. Der Drang zur professionellen Nutzung von Social Media wird sich nicht zuletzt deshalb verstärken, weil Unternehmen den Druck spüren, mehr für Kundengewinnung und bindung tun zu müssen und zum anderen, weil im kommenden Jahr für solche Aktivitäten schlicht wieder mehr Geld zur Verfügung stehen wird. Die IT-Organisationen der Unternehmen werden deshalb in den kommenden Monaten eng mit den Kommunikations und Marketing-Teams zusammenarbeiten.Marcom überlegt sich die inhaltlichen Strategien und die IT wird Mittel und Wege finden müssen, diese Inhalte automatisiert auf die verschiedenen Plattformen zu verteilen und das Feedback der Interessenten analysierbar und für neue Kampagnen nutzbar zu machen.
Natürlich entwickeln sich in den kommenden zwölf Monaten auch in den anderen ITK-Segmenten neue Trends, aber die in den Bereichen Cloud Computing, Mobile Computing und Social Networks werden den meisten Gesprächsstoff liefern.
In diesem Sinne ein spannendes 2011!
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