














Von Christoph Witte
Cloud Computing ist nicht gleich Cloud Computing. Inzwischen haben sich verschiedene Ausprägungen etabliert: Private Cloud, Managed Private Cloud, Managed Hosted Cloud und Public Cloud. Jede dieser Varianten weist spezielle Vor- und Nachteile auf. Pierre Audoin Consultants (PAC) hat sie sehr übersichtlich in einer Tabelle zusammen getragen.
Der Überblick zeigt, dass Public Clouds in 17 von 23 Kategorien die meisten Vorteile bieten. Über etliche dieser Punkte ist bereits viel gesprochen worden, deshalb seien hier zwei herausgegriffen, die bisher noch nicht so intensiv diskutiert wurden, aber in Zukunft eine wichtige Rolle spielen werden: „Cloud Computing als Plattform, um mit Geschäftspartnern zusammen zu arbeiten und sogar gemeinsame neue Business-Modelle zu entwickeln“ und „Kundennähe“.
Einer der großen Vorteile – der allerdings erst in Zukunft stärker genutzt werden dürfte – ist der Plattform-Charakter der Public Cloud. Sie kann nicht nur als Entwicklungsplattform und für die Bereitstellung von IT-Ressourcen genutzt werden, sondern auch eine engere und tiefere integrierte Zusammenarbeit zwischen den Nutzern (Anbieter/Kunde, Anbieter/Anbieter, Kunde/Kunde) ermöglichen. Dieser Aspekt könnte mittel- bis langfristig zu komplett neuen Geschäfts- und Kooperationsmodellen in und im Umfeld der Cloud führen, wie der gemeinschaftlichen Entwicklung von Applikationen (wie in der Open-Source-Szene, aber beschleunigt durch die Nutzung der gemeinsamen Plattform) oder der ständigen Optimie¬rung und Modellierung von Geschäftsprozessen.
Natürlich wäre eine solche Zusammenarbeit an bestimmte Voraussetzungen der jeweiligen Public Clouds gebunden, die schließlich sehr unterschiedlich ausgestattet sind. Als Plattform in Frage kommen nur solche, die auch Plattformeigenschaften wie Entwicklungs-Frameworks, Datenbankmanagement, Load-Balancing, physikalische Sicherheit und automatische Skalierung aufweisen und nicht nur Infrastruktur-Services wie CPUs und Speicherkapazitäten anbieten. Das bekannteste Beispiel ist Google, das sogar rund um seine AppEngine einen Application Marketplace für Business-Anwendungen eingerichtet hat. Ähnliche Stores zum Austausch (noch) relativ einfacher Programme unterhalten Salesforce oder Microsoft, letztere allerdings noch nicht in Deutschland. Schon allein der webbasierte Kalender von Google lässt sich – einmal abgesehen von Datenschutzbedenken – für unternehmensübergreifende Terminabstimmungen nutzen, ohne auf die jeweiligen Clients und E-Mail-Systeme Rücksicht zu nehmen.
Aber auch komplexere Szenarien sind denkbar. Zum Beispiel können auf einer Cloud-Plattform mehrere Service-Anbieter aufeinander abgestimmte Applikationen anbieten, die zusammengenommen einen Teil oder sogar ein komplettes Warenwirtschaftssystem darstellen, auf das der Anwender in der Cloud zugreifen kann. So könnte ein Anbieter für die Anbindung mobiler Geräte sorgen, über die Vertriebsmitarbeiter Daten über die abverkauften Waren eingeben, ein zweiter sorgt für die Einbindung in das Backend-System und ein dritter Anbieter stellt die Kern-Applikation. Letztere könnte sowohl in der Cloud als auch „on Premises“ residieren.
Ein anderes Feld der Zusammenarbeit in der Cloud könnten die viel zitierten Mashups darstellen, die dann allerdings komplett in der Cloud arbeiten. IT-Dienstleister und andere Service-Anbieter stellen dazu ihre Services in der Cloud zur Verfügung. Andere Anbieter wiederum nutzen sie als Grundlage eigener Dienstleistungen, die ebenfalls aus der Cloud abgerufen werden können. Beispiel Wetter-Services: Wenn der deutsche Wetterdienst seine aktuellen Detaildaten gegen Gebühr zur Verfügung stellen würde, ließen sich auf dieser Basis zum Beispiel von einem anderen Dienstleister exakte Pollenflugprognosen für jede noch so kleine Region anfertigen. Dieser Service wiederum wird mithilfe des digitalen Kartenmaterials eines Spezialdienstleisters für Navigationssysteme visualisiert und über die Billing-Engine eines vierten Service-Anbieters abgerechnet. Weil es weitaus weniger kostet, solche und andere Dienstleistungen aus der Cloud heraus zur Verfügung zu stellen als auf Basis einer eigenen, skalierbaren Infrastruktur, könnten Public Clouds gerade für die Bereitstellung neuer und bekannter Services eine große Rolle spielen, sie könnten Monetarisierungs-Vehikel sein. Anbieter solcher Services werden kaum preiswertere Möglichkeiten finden, ihre Dienstleistungen anzubieten. Es bedarf keiner Initialinvestition in eigene Infrastruktur, Portierung in die Cloud und Deployment stellen ebenfalls kein Problem dar. Auch für die ausreichende Skalierung und die internationale Verfügbarkeit können die Cloud-Provider in der Regel problemlos sorgen. Der größte Vorteil sind allerdings die flexiblen Abrechnungen. Erst wenn der Service sehr gut von den Nutzern angenommen wird, muss auch für die intensivere Nutzung der Cloud mehr bezahlt werden. Aber dann kann es sich der Dienstleister auch leisten.
Doch nicht nur Anbieter, auch Anwender könnten Cloud-Plattformen zur virtuellen Zusammenarbeit nutzen. So ließe sich darüber beispielsweise auch der B2B-Datenaustausch organisieren, den sie zur Zeit noch häufig mühsam und recht teuer bilateral über EDI oder Web-EDI selbst abwickeln oder spezialisierte Dienstleister damit betrauen. Das sind nur zwei Beispiele für eine intensivere Kooperation, die Public Clouds durch gemeinsame Entwicklungs-Frameworks, ihre internationale Verfügbarkeit und für alle Nutzer gültige Portierungsregeln, ermöglichen.
So viele Perspektiven eine Public Cloud auch in punkto Zusammenarbeit ermöglicht, so kritisch beurteilen die PAC-Analysten das Thema Kundennähe in diesem Zusammenhang:
Bei allen Public Clouds ist die fehlende Kundennähe ein Nachteil. Teilweise existiert gar keine traditionelle Beziehung zwischen Kunde und Anbieter; in einigen Fällen nutzt der Kunde die Lösung über ein Self-Service-Element ohne persönlichen Kontakt zu einem Vertriebsmitarbeiter oder sogar ohne Kontakt zu einem Service-Manager.
Sicher ist vielen Kunden die persönliche Betreuung wichtig; sie beurteilen die Qualität ihrer Service-Provider in großem Maße nach dem Auftreten und der Qualität der Mitarbeiter. Wenn sie nicht funktionieren, endet entweder das Vertragsverhältnis schnell oder die betreffenden Mitarbeiter werden ausgetauscht. Doch bei Public Clouds handelt es sich um extrem virtualisierte und automatisierte Infrastrukturen beziehungsweise Plattformen, die den nächsten Schritt zur Industrialisierung der IT und der Software-Entwicklung darstellen. Es geht darum, schnell, flexibel, sicher und verfügbar Services in großem Stil bereitzustellen. Zumindest vorübergehend tritt hinter dieser Aufgabe die individuelle Kundenbetreuung zurück. Mit Public Clouds entstehen IT-Services wie die Massenprodukte des Industriezeitalters, und sie werden auch so vertrieben. In Fabriken irgendwo auf dem Globus gefertigt und im Supermarkt verkauft. Vergegenwärtigt man sich die Industrialisierungs- und Automatisierungsfortschritte des letzten Jahrhunderts, ging es immer darum, Produkte mit ausreichender Qualität in hoher Stückzahl zu einem konkurrenzfähigen Preis massenhaft herzustellen. Die Re-Individualisierung dieser industriell gefertigten Produkte wurde erst in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zum Mainstream und veränderte die Produktionsverfahren noch einmal sehr stark. Doch dort ist die IT noch nicht angelangt. Sie ist noch dabei zu industrialisieren. Die neue Kundennähe, die dann tatsächlich individuelle Standardprodukte ermöglicht, haben die meisten IT-Dienstleister sicher schon im Blick, aber sie stellt erst den übernächsten Programmpunkt auf ihrer Agenda dar.
Schnellstens nachbessern müssen die Anbieter von Public Clouds indessen in der individuellen Vertragsgestaltung. Verfügbarkeiten müssen kundenindividuell festgelegt werden und bei Nichteinhaltung mit Pönalen belegt werden können. Ähnliches gilt für eine individualisierte Preisgestaltung bei großen Volumina. Das ginge dann zwar zu Lasten der kurzen Vertragslaufzeiten und damit gegen die reine „Pay-as-you-go“-Lehre. Aber viele große Unternehmen brauchen wasserfeste Verträge mit individualisierten Konditionen, um ihre etablierten Budget- und Einkaufsprozesse nicht allzu sehr in Frage zu stellen.
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