














Autor: Christoph Witte
Microsoft hat im November die bereits vor einem Jahr angekündigte Cloud-Plattform “Windows Azure Platform” offiziell in den Markt gebracht. Zieht man die enorme Zahl der Windows-Entwickler, Partner und Anwender von Microsoft-Produkten in Betracht, könnte sich Azure zum wichtigen Meilenstein auf dem Weg zum Cloud Computing als Mainstream erweisen.
Der zunächst viel belächelten Slogan “Software + Service”, mit dem Microsoft vor mehreren Jahren zögerlich den Bruch mit dem reinen Client- beziehungsweise On-Premises-Computing eingeläutet hat, findet sich in Azure als ein wichtiges Gestaltungselement wieder. Das in der Plattform propagierte Hybridmodell von On-Premises und Cloud dürfte vielen Anwendern und Entwicklern die Furcht vor dem Kontrollverlust über ihre Daten und Applikationen nehmen, den sie bei einer Hinwendung zur reinen Cloud erwarten. Zwar lässt auch Amazon mit seinen Simple Storage Services (S3) zu, dass On-Premises-Applikationen Speicherplatz in der Cloud nutzen, aber Microsoft erhebt es zum wichtigen Baustein und macht es so zur Brücke zwischen traditionellem und cloudorientiertem Computing. Fragen der Datensicherheit, der Zugangsberechtigungen, der Orchestrierung und der Rechtssicherheit, die Zweifel am Cloud-Modell aufkommen lassen, scheinen mit dem Hybridmodell von Azure zumindest stärker adressiert zu werden.
Außerdem müssen Anwender ihre bisherigen Applikationen nicht abschreiben, sondern können sie um Cloud-Services erweitern. Ähnliches gilt für die unabhängigen Softwareanbieter (ISV), zumal die Plattform nicht nur Microsoft-Sprachen und -Entwicklungsumgebungen offen steht. ISVs sind mit Azure in der Lage, nicht nur neue, sondern auch erweiternde Services zu bestehenden Applikationen anzubieten, die in der Cloud residieren, während die eigentlichen Anwendungen auch auf den Servern oder Desktops ihrer Kunden laufen können.
Mit Pinpoint (zunächst in den USA, UK und den Niederlanden) hat Microsoft darüber hinaus einen Online-Marktplatz eingerichtet, auf dem diese Services angeboten und bezogen werden können. Damit verfolgen die Redmonder einen ähnlichen Ansatz wie der CRM-Anbieter Salesforce, der mit force.com ebenfalls eine cloudbasierte Entwicklungsumgebung anbietet, die allerdings (noch) sehr CRM-lastig ist. Auch Salesforce bietet mit AppExchange Entwicklern und Anwendern von force.com einen Online-Marktplatz für den An- und Verkauf von Applikationen und Services an.
Azure besteht aus drei Hauptelementen: Windows Azure, SQL Azure und den .Net Services*.
Die Azure-Plattform richtet sich eindeutig an Unternehmenskunden und unabhängige Softwarehäuser. Sie bietet für viele Anwender, Partner und Entwickler eine Möglichkeit in das Thema Cloud Computing einzusteigen, ohne die bestehenden Investitionen in Windows-Software zu gefährden. Allerdings eignet sich Azure nicht für sogenannte private Clouds, mit denen Infrastrukturen gemeint sind, die zwar als Cloud-Architektur angelegt sind, die aber von (großen) Unternehmen selbst betrieben werden. Microsoft bietet zumindest bislang seinen Kunden Azure nicht als On-Premises-Infrastruktur an.
Microsoft selbst will auf Basis von Azure verschiedene Online-Services offerieren, die sich beispielsweise mit ihren ERP-Lösungen verbinden lassen. So sollen noch im ersten Halbjahr 2010 ein Site Service für die Erzeugung von Websiten innerhalb von Microsoft Dynamics, ein Commerce Service für das Verknüpfen der ERP-Lösungen mit Online Shops und ein erweiterter Payment Service für die Abwicklung von Zahlungsvorgängen durch die Dynamics-ERP-Schnittstelle über verschiedene Kanäle verfügbar sein.
Interessant dürfte sein, wie und wann Microsoft sein Hosting-Angebot Business Productivity Online Suite (BPOS), zu dem Exchange Online, SharePoint Online, Office Communications Online und Live Meeting gehören, innerhalb der Azure-Plattform anbieten wird. In einem Q+A zu Azure bestätigt Microsoft den Integrationswillen, nennt aber keinen genauen Zeitpunkt, lediglich, dass Kunden eine “kontinuierliche Transformation” erleben werden. Für die Redmonder und ihre Kunden ergibt eine Integration von BPOS in Azure Sinn. Es macht die Seiten skalierbarer und flexibler.
Verglichen mit Googles app engine, Amazones Elastic Compute Cloud und Salesforce force.com erscheint Microsofts Windows-Azure-Plattform als das zurzeit weitreichendste Angebot. Azure hat außerdem den Vorteil, dass sein hybrider Ansatz die Angst von Anwendern und Entwicklern vor Cloud Computing mildert. Wenn Microsoft es schafft, selbst und mit Partnern die bestehenden Applikationen durch Online Services deutlich zu erweitern und neue Services auf Azure-Basis anzubieten, wird die große Anwender- und Entwicklerbasis Azure schnell als feste Größe im Cloud-Markt etablieren. Anwendern erlauben Cloud-Umgebungen wie Azure, Softwarenutzung als laufende Kosten und nicht mehr als Investitionen zu betrachten. Zumindest teilweise gilt das neue Paradigma “pay as you use”. Microsoft hätte bei einem Erfolg von Azure sein Businessmodell auf neue Füße gestellt, zumindest aber das bestehende Lizenzmodell durch ein Subskriptionsmodell deutlich ergänzt.
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